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Was ist euer Lieblingsgedicht?

Dieses Thema im Forum "Allgemeine Diskussionen" wurde erstellt von MorningSun, 16. Juli 2009.

  1. Hatari

    Hatari Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    15. Februar 2015
    Beiträge:
    11.390
    Ort:
    in den weiten des Universums
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    Der Zauberlehrling

    Hat der alte Hexenmeister
    Sich doch einmal wegbegeben!
    Und nun sollen seine Geister
    Auch nach meinem Willen leben.
    Seine Wort´ und Werke
    Merkt ich und den Brauch,
    Und mit Geistesstärke
    Tu ich Wunder auch.

    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Und nun komm, du alter Besen!
    Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
    Bist schon lange Knecht gewesen:
    Nun erfülle meinen Willen!
    Auf zwei Beinen stehe,
    Oben sei ein Kopf,
    Eile nun und gehe
    Mit dem Wassertopf!

    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Seht, er läuft zum Ufer nieder,
    Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
    Und mit Blitzesschnelle wieder
    Ist er hier mit raschem Gusse.
    Schon zum zweiten Male!
    Wie das Becken schwillt!
    Wie sich jede Schale
    Voll mit Wasser füllt!

    Stehe! stehe!
    Denn wir haben
    Deiner Gaben
    Vollgemessen! -
    Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
    Hab ich doch das Wort vergessen!

    Ach, das Wort, worauf am Ende
    Er das wird, was er gewesen.
    Ach, er läuft und bringt behende!
    Wärst du doch der alte Besen!
    Immer neue Güsse
    Bringt er schnell herein,
    Ach! und hundert Flüsse
    Stürzen auf mich ein.

    Nein, nicht länger
    Kann ichs lassen;
    Will ihn fassen.
    Das ist Tücke!
    Ach! nun wird mir immer bänger!
    Welche Miene! welche Blicke!

    O, du Ausgeburt der Hölle!
    Soll das ganze Haus ersaufen?
    Seh ich über jede Schwelle
    Doch schon Wasserströme laufen.
    Ein verruchter Besen,
    Der nicht hören will!
    Stock, der du gewesen,
    Steh doch wieder still!

    Willst am Ende
    Gar nicht lassen?
    Will dich fassen,
    Will dich halten
    Und das alte Holz behende
    Mit dem scharfen Beile spalten.

    Seht, da kommt er schleppend wieder!
    Wie ich mich nur auf dich werfe,
    Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
    Krachend trifft die glatte Schärfe.
    Wahrlich! brav getroffen!
    Seht, er ist entzwei!
    Und nun kann ich hoffen,
    Und ich atme frei!

    Wehe! wehe!
    Beide Teile
    Stehn in Eile
    Schon als Knechte
    Völlig fertig in die Höhe!
    Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

    Und sie laufen! Naß und nässer.
    Wirds im Saal und auf den Stufen.
    Welch entsetzliches Gewässer!
    Herr und Meister! hör mich rufen! -
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    Werd ich nun nicht los.

    "In die Ecke,
    Besen! Besen!
    Seids gewesen.
    Denn als Geister
    Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
    Erst hervor der alte Meister."


    @DadalinSpa Bei mir ist der von Johann Wolfgang von Goethe
     
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  2. Marcellina

    Marcellina Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    27. März 2016
    Beiträge:
    10.122
    http://www.planetlyrik.de/wislawa-szymborska-gluckliche-liebe-und-andere-gedichte/2015/02/

    http://literaturkritik.de/id/17156

    Wisława Szymborska


    BEKENNTNISSE EINER LESENDEN MASCHINE

    Ich, Nummer Drei Plus Vier Geteilt Durch Sieben,
    bin berühmt für mein umfassendes linguistisches Wissen.
    Ich habe schon Tausende von Sprachen identifiziert,
    deren sich im Laufe ihrer Geschichte
    die ausgestorbenen Menschen bedienten.

    Alles, was sie mit ihren Zeichen aufgeschrieben haben,
    wenn auch von Katastrophen verschüttet,
    ziehe ich heraus
    und rekonstruiere die ursprüngliche Form.

    Das ist nicht geprahlt −
    sogar die Lava lese ich
    und blättere in der Asche.

    Ich erläutere auf dem Bildschirm
    jedes erwähnte Ding,
    wann es hergestellt wurde,
    woraus und wozu.

    Und ganz aus eigenem Antrieb
    untersuche ich manche Briefe
    und korrigiere darin
    die Rechtschreibfehler.

    Zugegeben – bestimmte Wörter
    machen mir Schwierigkeiten.
    So kann ich die „Gefühle“ genannten Zustände
    bisher noch nicht genau erklären.

    Ähnlich mit der „Seele“, einem rätselhaften Wort.
    Vorläufig habe ich festgelegt, es sei eine Art Nebel,
    angeblich dauerhafter als sterbliche Organismen.

    Doch das größte Problem habe ich mit dem Ausdruck „ich bin“.
    Es scheint eine gewöhnliche Tätigkeit zu sein,
    allgemein verbreitet, doch nicht kollektiv,
    in der Urzeit der Gegenwart,
    im unvollendeten Modus,
    der doch, wie man weiß, schon lange vollendet ist.

    Doch reicht das aus als Definition?
    In der Leitung rauscht es und Schrauben knirschen.
    Mein Knopf zur Zentrale qualmt, statt zu leuchten.

    Ich werde wohl Bruderhilfe anfordern
    von Kumpel Zwei Fünftel Null Durch Ein Halb.
    Der gilt zwar als verrückt,
    aber Ideen hat er.
     
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  3. Adagio

    Adagio Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    26. Juni 2016
    Beiträge:
    1.723
    Mein Mütterchen, im Lehnstuhl vorgeneigt,

    wie bist Du nun so müd' und still geworden!

    Der Abend dunkelt, und die Stube schweigt,

    nachsinnend längst verzitterten Akkorden.


    Und eine welke Hand, in zagem Trieb

    sucht sie die meine - leise, wie von ferne,

    wie Kindesbitten klingt es: "Sei so lieb

    und spiel' mir etwas vor, ich hör's so gerne!"


    Uns schiebt die Zeit im Kreise hin und her,

    sodass wir wunderlich die Rollen tauschen -

    doch ewig rauscht der Töne reiches Meer

    und läßt im Überschwall kein Seelchen leer,

    ob wir nun musizieren oder lauschen.

    Hanns von Gumppenberg
     
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  4. Leopold o7

    Leopold o7 Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    6. Dezember 2017
    Beiträge:
    8.540
    Ort:
    Paradies
    Erlkönig

    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es ist der Vater mit seinem Kind;
    Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
    Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

    Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
    Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
    Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? –
    Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

    "Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
    Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
    Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
    Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

    Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
    Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
    Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
    In dürren Blättern säuselt der Wind. –

    "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
    Meine Töchter sollen dich warten schön;
    Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
    Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

    Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
    Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
    Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau;
    Es scheinen die alten Weiden so grau. –

    "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
    Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." –
    Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
    Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

    Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
    Er hält in Armen das ächzende Kind,
    Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
    In seinen Armen das Kind war tot.

    Johann Wolfgang von Goethe
    (1781)
     
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  5. waskommtnoch

    waskommtnoch Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    4. August 2017
    Beiträge:
    2.549
    Ort:
    Steiermark
    TAGESPROGRAMM

    Heute will ich
    aus dem Rahmen fallen
    und weich landen,
    dann zu der Musik
    in meinem Kopf
    schön aus der Reihe tanzen,
    mich zum Ausruhen
    zwischen die Stühle setzen,
    danach ein bißchen
    gegen den Strom schwimmen,
    unter allem Geschwätz wegtauchen
    und am Ufer der Phantasie
    so lange den Sonnenschein genießen,
    bis dem Ernst des Lebens
    das Lachen vergangen ist.


    Hans Kruppa
     
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  6. MorningSun

    MorningSun Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    13. März 2006
    Beiträge:
    15.196
    Ort:
    wo die Wirren irren ...
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    Der Urlaub (von Eugen Roth)
    Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
    Dreht überall die Lichter aus.
    In Zimmern, Küche, Bad, Abort-
    Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
    Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
    Denkt er voll Schrecken: “Hab ich wohl?”
    Und steigert wild sich in den Wahn,
    Er habe dieses nicht getan.
    Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
    Wie man gestohlen schon das meiste,
    Sieht Türen offen, angelweit.
    Das Licht entflammt die ganze Zeit!
    Zu klären solchen Sinnestrug,
    Fährt heim er mit dem nächsten Zug
    Und ist schon dankbar, bloß zu sehn:
    Das Haus blieb wenigstens noch stehn!
    Wie er hinauf die Treppe keucht:
    Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
    Und plötzlich ist`s dem armen Manne,
    Es plätschert in der Badewanne!
    Die Ängste werden unermessen:
    Hat er nicht auch das Gas vergessen?
    Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
    Und ist mit Freuden überzeugt,
    Daß er – hat er`s nicht gleich gedacht?-
    Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.
    Er fährt zurück und ist nicht bang.-
    jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.
     
    Tolkien, Leopold o7 und waskommtnoch gefällt das.
  7. waskommtnoch

    waskommtnoch Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    4. August 2017
    Beiträge:
    2.549
    Ort:
    Steiermark
    Die Frau als männlich und weiblich
    Ich bin eine männliche Frau
    Ich bin wie mich die Männer wollen
    Ich trage meinen Busen wie auf dem Plakat
    Schuhe zum Beinebrechen
    aber die Beine schauen aus: toll
    Ich finde Mäuse: „Iiiiek!!“
    Ich bin eine männliche Frau
    Ich bin wie mich die Männer wollen.

    Ich bin eine weibliche Frau
    Ich trage Kleidung die mir angenehm ist
    Schuhe in denen
    ich sogar rennen kann
    Eine kaputte Sicherung ist kein Problem
    ich bin eine weibliche Frau.
    Ich finde Mäuse lieb
    aber mir graust vor patriarchalen Spinnern

    Elisabeth Schrattenholzer
     
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  8. Kontemplator

    Kontemplator Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    28. April 2014
    Beiträge:
    2.620
    Ort:
    Berlin
    Ist zwar jetzt nicht unbedingt ein Gedicht, mehr eine Anleitung gegen ein langweiliges Leben. Ich lese öfter mal darinund lass mich inspirieren.

    Jeder Mensch ist ein Künstler — Joseph Beuys

    Lass dich fallen.
    Lerne Schnecken zu beobachten.
    Pflanze unmögliche Gärten.
    Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
    Mache kleine Zeichen, die “Ja” sagen
    und verteile sie überall in deinem Haus.
    Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
    Freue dich auf Träume.
    Weine bei Kinofilmen.
    Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
    Pflege verschiedene Stimmungen.
    Verweigere „verantwortlich“ zu sein. Tu es aus Liebe.
    Mach viele Nickerchen.
    Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
    Glaube an Zauberei.
    Lache viel.
    Bade im Mondlicht.
    Träume wilde, phantasievolle Träume.
    Zeichne auf die Wände.
    Lies jeden Tag.
    Stell dir vor, du wärst verzaubert.
    Kichere mit Kindern.
    Höre alten Leuten zu.
    Öffne dich, tauche ein, sei frei.
    Segne dich selbst.
    Lass die Angst fallen.
    Spiele mit allem.
    Unterhalte das Kind in dir.
    Du bist unschuldig.
    Baue eine Burg aus Decken.
    Werde nass.
    Umarme Bäume.
    Schreibe Liebesbriefe.
     
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  9. eamane9876

    eamane9876 Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    5. April 2016
    Beiträge:
    534
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    Was es ist
    Es ist Unsinn
    sagt die Vernunft
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Es ist Unglück
    sagt die Berechnung
    Es ist nichts als Schmerz
    sagt die Angst
    Es ist aussichtslos
    sagt die Einsicht
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Es ist lächerlich
    sagt der Stolz
    Es ist leichtsinnig
    sagt die Vorsicht
    Es ist unmöglich
    sagt die Erfahrung
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Erich Fried
     
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